von Egbert Biermann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Christlich-Sozialen im DGB Bezirk Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Bremen

Vier Sonntage sind genug! Neu entbrannt ist in Deutschland die Debatte um die Öffnung der Läden am Sonntag. Jedermann will wohl jeden Sonntag die Chance haben, seine verpassten Einkäufe zu erledi- gen.Wer denkt dabei an die Beschäftigten? Sicher, im Hotel- und Gaststättengewerbe wird auch samstags und sonntags gearbeitet. Und in der industriellen Produktion gibt es ebenfalls viele Sonntagsschichten. Selbstver- ständlich für uns ist, dass am Wochenende das Krankenhaus, die Feuerwache und der Krankenwagen besetzt sind, sowie die Polizei Streife fährt, um im Notfall einzugreifen. Warum wehrt sich da eigentlich noch jemand gegen eine Ausweitung der Ladenöffnungszeiten auf das Wochenende? Vor allem, da der Online-Einkauf sowieso alle Grenzen niedergerissen hat. Auf der anderen Seite gibt es eine Debatte um die "Leitkultur" in Deutschland. Und da frage ich mich, wo bleibt der Aufschrei, dass der verkaufsoffene Sonntag nicht zu unserer christlich-abendländischen Kultur gehört. Der Sonntag erinnert an die Auferstehung Jesu. Deshalb ist er in der Regel ein Ruhetag. Nur wenn es ums Leben geht, wird die Ausnahme gemacht. Und dass ist auch gut so. Klar ist, wenn es etwas zu feiern gibt, könnten auch die Geschäfte geöffnet werden. Aber gilt hier auch der Umkehrschluss? Wir schaffen Anlässe zum Feiern, damit die Geschäfte geöffnet werden können. Ich finde, das muss nicht sein. Meines Erachtens sollte jeder Stadt- bzw. Gemeinderat das Recht erhalten, vier Monate vor Beginn eines Jahres vier verkaufsoffene Sonntage für das Stadt- bzw. Gemeindegebiet festzulegen. Nicht mehr, aber weniger dürfen es sein. Wenn schon die Geschäfte sonntags geöffnet sein sollen, dann aber auch für alle am gleichen Tag und nicht einen Sonntag für Stadtteil a und den nächsten für Stadtteil b. Dass führt nur zu einer Inflation der verkaufsoffenen Sonntage. Bei beispielsweise zehn Stadtteilen und vier ver-kaufsoffenen Sonntagen könnten maximal an vierzig Sonntagen die Läden geöffnet sein. So etwas halte ich für falsch. Auch wenn aktuelle Umfragen eine Mehrheit für die Ausweitung der Sonntagsöffnung ergeben haben, muss dies noch lange nicht richtig sein. Umfragen stellen häufig Fragen, die mit ja oder nein beantwortet werden können. Eine Abwägung zwischen Vor-und Nachteilen erfolgt selten. Auch Randbedingungen oder Nebenwirkungen mancher Entscheidung bleiben unterbelichtet. Deshalb gilt es darauf hinzuweisen: Die Beschäftigung im Einzelhandel gibt es nicht her, so viele Sonntage die Läden zu öffnen. Ob die Kosten des Einkaufsangebotes durch den Umsatz erwirtschaftet werden, ist auch nicht immer sicher. Und wenn Herr Lindner von der FDP glaubt, dass die Innenstädte sterben, weil sonntags nicht geöffnet werden kann, dann liegt er falsch. Dem Internethandel - 24 Stunden rund um die Uhr - können die Einzelhandelsgeschäfte - von der Boutique über das Spezialgeschäft bis hin zum Warenhauskonzern - auch mit mehr verkaufsoffenen Sonntagen nicht Paroli bieten. Da muss etwas anderes geschehen. Die Innenstädte sterben, weil Outlet-Center am Stadtrand oder Einkaufszentren an der Autobahnausfahrt eine starke Konkurrenz sind, und zwar wochentags und nicht am Wochenende. Und manche Innenstadt stirbt auch, weil der Umsatz bei einer nicht mehr so zahlungskräftigen Kundschaft die Kosten des Geschäftsbetriebes nicht mehr einspielt. Darauf müssen die Stadtväter und -mütter in den betroffenen Regionen eine Antwort finden. Zu viele verkaufsoffene Sonntage treiben wohl eher die Kosten, als das sie den Gewinn steigern. Und ob der Einkaufsmarathon die "Kultur des Sonntags" fördert, wie es unserer christlich-abendländischen Kultur entspricht, ist wohl eher zweifelhaft. Meine Quintessenz für die Debatte lautet deshalb: Vier Sonntage sind genug!

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